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17. Juli 2009

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"Meine Meinung zu..."

Dr. Dietmar Siebholz


Aktuelle Gedanken zu den Edelmetallmärkten (Gold und Silber) unter dem Motto „schalten Sie Ihre Seismographen ein…"

Von Dr. Dietmar Siebholz, 17. Juli 2009

In einem meiner früheren Kommentare hatte ich das lehrreiche Verhalten von Schlangen und Kriechtieren, die nachgewiesenermaßen Erdbeben „vorausahnen„ erwähnt: Man hat nämlich festgestellt, dass diese die einem solchen Beben vorausgehenden leichten für uns Menschen noch nicht spürbaren Erschütterungen bemerken und sich in sichere Rückzugspositionen begeben. Ich habe mich nach diesen Erkenntnissen darum bemüht, ähnliche von der Natur abgeschaute Verhaltensweisen zu trainieren. Das Wichtigste daran ist es, eben nicht den täglichen uns gereichten Informationen aus journalistischen oder politischen Quellen, aus staatlichen Statistiken etc. zu vertrauen, sondern sich seinen eigenen Seismographen zu definieren und ihm zu vertrauen. Ich bin fest davon überzeugt, dass die Trefferqoute bei Ihren Entscheidungen dann wesentlich höher liegen wird als bei den Ihnen („völlig neutral allerdings ohne Obligo") von den üblichen Quellen gereichten Informationen.

Wenn ich die Historie der letzten 10 Jahren bewusst rekapituliere, dann waren nämlich die Anlageentscheidungen, die uns von diversen an den Märkten und in der Journaille Tätigen gereicht wurden und die auf den ersten Blick überzeugend wirkten, schlichter Nonsense. Entweder folgte die Journaille dem Modetrend („lasst uns auf den aktuellen XYZ-Zug springen") oder entsprach mehr dem politisch opportunen Kalkül, nämlich dem, dass es nicht sinnvoll wäre bzw. sei, sich gegen den von den Regierungen eingeschlagenen Trend in den Bereichen Finanz und Wirtschaft entgegenzustellen. Jeder nüchterne Berater, der eine Abwendung von den herkömmlichen Verhaltensmustern z.B. bei den Anlageentscheidungen forderte, wurde dabei in die Strafecke gestellt. Mein pommersches Blut in den Adern ließ mich schon lange vor Beginn der heutigen Problemperiode den Weg der „contrary opinion", also des intellektuellen und faktischen Widerstands gehen.

Sensible Anleger haben es inzwischen längst gemerkt; es gibt eine langsame, aber spürbare Umkehr der Betrachtungen. Notenbanken, die zu dem Teil der „klugen Jungfrauen" (ich orientiere mich hier an dem Gleichnis der zwölf Jungfrauen – meine persönliche Empfehlung: In der Bibel nachlesen. Es ist ein gutes Beispiel für Vorsorge und kluge strategischer Ausrichtung) gehören, beginnen mit der Diversifizierung ihrer Reserven in die keinen Zins bringende Edelmetallanlage, obwohl Mainstream so vehement den Sinn einer derartigen Anlage in Frage stellt.

Dazu kann man bei genauer Betrachtung der Entwicklung der Produktionsdaten insbesondere bei Gold feststellen, dass die Produktion Jahr für Jahr schrittweise zurückgeht, aber die umlaufenden Geldmengen zum Teil drastisch erhöht wurden. Aber auch diese laufende Beobachtung macht viel Arbeit, weil eben die Fachpresse hier kaum tätig wird (es ist ja unverhältnismäßig aufwändig, diese Daten zu eruieren).Die Nachverfolgung dieser Werte ist aber ebenso wichtig wie die laufende Information über den Abbau der Goldreserven und die Verminderung der Goldgehalte pro Tonne Gestein. Hier empfehle ich den jüngst erschienenen Bericht der Ersten Bank, Wien. Dem Verfasser sei an dieser Stelle für seine exzellente Arbeit gratuliert.

Warum diese Hinweise? Wenn man alle Facetten des Edelmetallmarktes verfolgt, dann muss man sich ein Bild über die uns bequem zum Konsumieren gereichten Fakten machen und seine Entscheidungen nicht über die vorgelegten Informationen entwickeln, denn genau die uns präsentierten Informationen sollen ja gerade Einfluss auf die Anlageentscheidungen der Individuen im Sinne der Eliten nehmen; also besser die verzinsliche Anlage in Staatspapieren wählen, mit denen sich die Regierenden die Defizite ihrer unverantwortlichen Haushalte finanzieren müssen, wissend, dass sie diese Schulden nie mehr in realer Währung und Kaufkraft werden zurückzahlen können. Jede Investition in den Edelmetallen – und dies im Extremfall zu 100 % in physischer Form – entzieht dem Systemverbund aus Politik und Finanzindustrie Kapital, das sie zur Durchsetzung der Ziele benötigen und verschafft dem Anleger eine Freiheit, die „das System" gern unterdrücken würde. Dazu hat der frühere Greenspan seinen Kommentar mit der Analyse „Gold und individuelle Freiheit" geschrieben, ein richtungsweisendes Werk, von dem er dann faktisch während seiner Präsidentschaft beim FED abrückte. Mein Kommentar: „Wes´ Brot ich esse, des´ Lied ich singe" oder in platterem Umgangsdeutsch „was geht mich mein dummes Geschwätz von gestern an?"

Zurück zu den wirklichen Marktimpulsen. Natürlich ist die Reaktion der Edelmetallanleger auf die Finanzkrise und die Preissteigerung spürbar; die großen Anlegernationen wie z.B. Indien spüren die Zurückhaltung deutlich, aber unübersehbar sind folgende Fakten:

1. Russland und China bringen ihre Goldproduktion nicht an die Märkte, sondern steigern ihre Goldreserven

2. Die Minenproduktion ist seit dem Jahre 2003 rückläufig

3. Die Geldumlaufmengen explodieren, wenngleich auch durch die Vernichtung von Vermögen aufgrund der Pleiten dadurch eine erhebliche Einschränkung des Zuwachses der disponierbaren Geldmengen nach Abzug der Verluste aus diesen Pleiten konstatiert werden muss.

4. Die Goldgehalte pro Tonne Erz geht seit Jahren extrem zurück, die Goldgewinnung wird dadurch systemisch teurer, ohne dass es hierzu einer Inflation bedarf.

5. Der jährliche Abbau von max. 80 Mio Unzen Gold wird in keiner Weise durch neue sofort abbaubare Reserven ersetzt. Die neu gefundenen Reserven decken also nur noch anteilig den durch den Abbau bedingten Rückgang der Reserven ab.

Da diese eben geschilderten Prozesse langsam, aber kontinuierlich ablaufen, bleiben sie unter der Bewusstseinsschwelle der Einzelnen. Die Main-Street-Presse tut nichts dazu, diesen Wissensstand zu ändern.

Es bauen sich also auf der Basis dieser Informationen Verspannungen auf, die sich irgendwann einmal eruptionsartig entladen müssen. Und das geschieht wie alle Beispiele in der Vergangenheit zeigen, nicht evolutionsartig, sondern explosiv. Ich nenne dies das „Modell Zimbabwe„. Wer Rhodesien aus den siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts kennt (einer meiner Klassenkameraden aus Berlin ist dahin verzogen und hatte mich auf die Farm seiner Eltern eingeladen) weiß, wie ein Zerfallsprozess abläuft. Erst ganz unmerklich, dann in der Schlussphase explosiv.

Die wichtigste Frage für den Investor ist also, wie die reale Lage an den Märkten sensibel einzuschätzen ist; nun kommen wir auf meine Einleitung zurück, nämlich zu dem Beispiel der Kriechtiere. Beachten Sie daher bitte folgende Tendenzen, die Auslöser für diese Eruptionen sein können. Ich beobachte die nachstehend geschilderten Tendenzen. Hier sollten Sie ansetzen, Ihren eigenen Seismographen zu bilden und ihn einzuschalten.

Die Future-Märkte: Es ist uns zur Gewohnheit geworden, dass die Handelskontrakte für Edelmetalle ein zigfaches Volumen der physischen Umsätze darstellen; genauso war die Einstellung der Märkte zur Relation der Handelsvolumen bei den Sondergestaltungen der Bonds-Derivate in Bezug auf das Handelsvolumen der Welt-Rentenmärkte bis zu dem Zeitpunkt, als diese unverständlichen und völlig überzogenen Relationen durch die Pleite von Lehmann und AIG offenbar wurden. Veränderungen an diesen Relationen werden uns rechtzeitig – und zwar durch vorlaufende Überziehungen dieser an sich schon fast nicht mehr steigerbaren Relation – und dann durch die unvermeidliche Bereinigung den Paradigmenwechsel ankündigen.

Fast unbemerkt von der Öffentlichkeit wurde bereits kurz nach der Einführung der ETF-Konzepte für Edelmetalle von den US-Behörden verfügt, dass für die Erfüllung der Edelmetall-Terminkontrakte auch die „Verrechnung„ mit Positionen der ETF´s möglich ist. Das haben meine GATA-Kollegen in den USA jüngst ausgegraben; die Märkte haben darauf nicht reagiert. Ich möchte Ihnen diese Absurdität einmal mit einer Frage erklären, die Ihnen einleuchten wird: Glauben Sie wirklich, dass ein Verdurstender die Lieferung des für ihn dringlich erforderlichen Wassers durch ein Wasser-Zertifikat der Finanzindustrie als Lösung seines Problems empfinden wird? Was bleibt, ist die Erkenntnis, dass die Finanzindustrie die Verknappung der künftigen Goldproduktion in Relation zu den Terminkontrakten ahnt und mit diesen Hilfsmaßnahmen sich den Ausstieg aus ihren profitablen Termingeschäften sichert. Hat Ihr Seismograph beim Nachdenken über diese Situation schon etwas ausgeschlagen? Er sollte es aber, wenn Sie nicht zu den Opfern des Systems gehören wollen.

Die staatliche US-Münze stellt zum wiederholten Male die Abgabe von bestimmten Goldmünzen ein und begründet dies mit dem Fehlen der „Rounds„, also der Goldrohlinge, die sie zur Prägung benötigt. Die Nachfrage in den USA nach diesen Ein-Unzen-Goldstücken ist extrem gestiegen. Finden Sie eine verständliche Erklärung dafür, dass die Münze mangels Rohmaterials dieses Geschäft versäumt? Was würden Sie als Unternehmer tun? Ich vermute, das Gleiche, was ich tun würde. Goldrohlinge aus anderen Ländern importieren, die Nachfrage befriedigen und dabei einen satten Profit einfahren. Also, entweder möchte man diesen unübersehbaren Trend, der ja den Interessen des Staates bezüglich alternativer Geldanlagen z.B. in Staatstiteln (zur Finanzierung der Defizite und der Banksanierungen) ins Leere laufen lassen oder man verfügt tatsächlich über keine Gold-Rohlinge. Beobachten Sie diese Entwicklung und prüfen Sie das Verhalten Ihres Seismographen.

Die Vertragsregeln an den wichtigsten Terminmärkten stehen derzeit in der Diskussion. Nach den Exzessen an den Öl- und Weizenmärkten (dort hatten ja die „bösen Spekulanten" die Preise extrem in die Höhe gejagt) sollen jetzt Beschränkungen bei den maximal zulässigen Kontrakten pro Anleger oder Handelsfirma eingeführt werden. Wenn dies sowohl für Long- als auch für Leergeschäfte gelten sollte, dann muss man ab sofort die Handlungen der großen Mitspieler in den Edelmetallmärkten überwachen und dort ist festzustellen, dass der Abbau der extremen Leerpositionen bei Gold und Silber fast unbemerkbar, aber dennoch in feststellbarem Umfang stattfindet, zumindest in den letzten Tagen, nachdem Berichte über die geplanten Änderungen des Regelwerks für die Termingeschäfte kolportiert werden. Bitte dran bleiben und Ihren Seismographen beobachten!

Die BRIC-Staaten (Brasilien, Russland, Indien und China) streben neben anderen Ländern eine Neureglung der Weltreserve-Währungen an. Die Nadelstiche gegen den Dollar werden häufiger und – besonders wichtig – tiefer. Herr Medjedew präsentierte in Aquila (ich meine, dass ist lateinisch und heißt bei uns „der Adler" – klingt fast wie „Gold-Eagle") dem erstaunten Publikum und der Presse die von einem belgischen Künstler kreierte Münze (ich vermute, es war eine Goldmünze) und empfahl solche Münzen als künftigen Bestandteil einer neuen Weltreservewährung. Diese Entwicklung ist sensibel zu beobachten, denn ein Teil der künftigen Weltreserve-Währung wird auch die Edelmetalle betreffen, denn an irgendeinem Festwert müssen sich künftige Reservewährungen festmachen lassen. Spätestens bei dieser Nachricht müsste Ihr Seismograph schon heftiger ausschlagen, oder?

Eine Meldung hat mich besonders elektrisiert. Goldman Sachs wurde von einem EDV-Mitarbeiter bestohlen; dieser Mann hat das Programm, das er für die Marktpflege in verschiedenen Segmenten für GS entwickelt hatte, kopiert und angeblich über eine deutsche Webseite verkaufen wollen.

Das wäre nicht an sich so bedeutsam, hätte der eingeschaltete New Yorker Staatsanwalt nicht bei der Verhaftung des früheren Goldman-Sachs-Mitarbeiters die Ungeheuerlichkeit dessen Vergehens damit begründet, dass dieses Programm dazu dienen könnte, die Märkte nachhaltig zu manipulieren und funktionsunfähig zu machen, wenn das Programm in falsche Hände geriete. Darüber muss man nachdenken: Wenn die Aussage vom New. Yorker Staatsanwalt Facciponti stimmt, dann kann man feststellen, dass mit diesem Programm Märkte nachhaltig manipuliert und funktionsunfähig gemacht werden können. Gibt es im Sinne von freien Märkten nun „gute" und „schlechte" Manipulationen? So wie ich die Verbindungen von Goldman-Sachs zu den US-Regierungen der letzten 20 Jahre sehen, meinen sie, sie hätten das Recht auf „gute" in ihrem Sinne wohlmeinende Manipulationen. Wer will da noch erklären, die USA seien das Land der Freien und Starken, ich meine eher, das Land, in dem die Starken zu Lasten der Kleinen und zu Lasten des Rests der Welt die Märkte manipulieren dürfen, quasi als James Bond der Kapitalmärkte mit der Lizenz zum Manipulieren.

Wir werden es ja sehen, ob der New Yorker Staatsanwalt nur stark übertrieben hat oder etwas an der Sache dran ist. Dann aber müsste nach den Regeln einer Demokratie Goldman Sachs „dran„ sein, denn die regierungsnahe Bank kann doch trotz des Informationsprivilegs, über das sie zweifelsfrei verfügt, nicht noch das Privileg haben, die US- und die internationalen Märkte programmgemäß zu manipulieren oder funktionsunfähig zu machen. Beobachten Sie den Fortgang dieser an sich unbedeutenden Aktionen, denn Unterschlagung und Betrug gehören doch zum Alltäglichen unseres Systems, oder? Ihr Seismograph sollte die Behandlung dieser Story und die Aktionen des neuen Aufsehers für die Terminmärkte, Herr J. Gensler sorgfältig analysieren!

Den großen Rahmen, in dem wir uns bewegen, hat ein schottischer Finanzanalyst bereits vor einigen Jahren in einer knappen und für Jeden verständlichen Darstellung definiert. Er hat dabei die Periode von 1890 bis 1939 mit der von 1944 bis 2006 miteinander verglichen. Er kommt zu erstaunlichen identischen Einzelphasen, nämlich

die Phase 1 – er nennt sie „die Stabilität" von 1890 bis 1914 bzw. von 1944 bis 1968

dann Phase 2, „die Inflation" von 1915 bis 1923 bzw. von 1968 bis 1981

dann Phase 3 „die Disinflation" von 1924 bis 1929 bzw. von 1981 bis 2006

dann Phase 4 „die Instabilität" von 1930 bis 1939 bzw. von 2006 bis heute

Als Phase 5 bezeichnet er die Reorganisation des Finanzwesens, die sich in den vierziger Jahren des vorigen Jahrhunderts mit dem Höhepunkt der Bretton Woods-Vereinbarungen im Jahre 1944 einstellte. Daraus folgert der schottische Analyst, dass wir vor einer Neubildung der Finanzstruktur stehen. Achten Sie, falls Sie diese Stellungnahme ernst nehmen wollen, auf Signale, z.B. die demonstrative Haltung des Herrn Medjedew auf dem G-8-Treffen, als er die Goldmünze in die Kameras hielt und darauf hinwies, dass eine neue Währungsstruktur angestrebt werden müsse.

Nur wird das neue Bretton Woods dann eher nach den Städten Bangalore, Florianopolis, Shanghai oder Jekaterinburg genannt und nicht mehr nach Washington oder New York, denn die Periode der angelsächsischen Hegemonie dürfte dann endgültig vorüber sein.

Wie gesagt, achten Sie auf die kleinen Erschütterungen. Seien Sie so klug wie die Schlange, registrieren Sie jede der kleinen Veränderungen, die auf dem Weg zu einer großen Reform vor dieser eintreten müssen (aber leider meistens in ihrem Ansatz nicht erkannt oder – beeinflusst durch die „Hirnwäsche" - negiert werden) und hören Sie nicht auf die Einlassungen und Veröffentlichungen der Mainstream-Presse und der Politik. Deren und unsere Interessen stehen sich diametral gegenüber.

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© Dr. Dietmar Siebholz

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