27. Juni 2008
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"Meine Meinung zu..."
Dr. Dietmar Siebholz
... der Aussagekraft von Relationen zwischen Preisen und Indices
Von Dr. Dietmar Siebholz, 27. Juni 2008
Seitdem es Börsen gibt, versucht die Menschheit, sich durch die Beurteilung von Gütern, Preisen und deren Relationen untereinander ein Bild über den vergleichbaren Zustand und mögliche Zukunftsaussichten zu machen; das ist wegen der Vielzahl der auf Preise und Tendenzen einwirkenden Faktoren auch verständlich. Erst die Computerisierung hat es geschafft, mit Hilfe dieser hilfreichen „Ratios“ – wie sie unsere englischsprachigen Freunde nennen – zu aussagekräftigen Interpretationen zu gelangen. Für mich sind zum Beispiel die großen Chartbilder (nicht die tägliche Interpretation jeder noch so kleinen Bewegung) und die Beobachtung dieser Ratios von extremer Bedeutung.
Eine dieser Relationen ist schlicht der Gold- und in etwas reduziertem Umfang der Silberpreis. Was sie aufzeigen, ist schlicht der Gesundheitszustand der Währungen. Es ist also nicht der Anstieg des Goldpreises an sich, der aufhorchen lässt, sondern der daraus abzuleitende Verfall der Währungen.
Uwe Bergold, den ich sehr schätze, hat dies schon vor Jahren auf einen Nenner gebracht: Es ist die Definition des Nenners, der alle Statistiken durcheinander bringt. Das Beispiel des Preises eines hochwertigen Herrenanzuges ist hier Maßstab: Im Jahre 1800 kostete ein Herrenanzug höchster Qualität eine Unze Gold, also damals an die US-$ 20; der Preis heute? Ja, ca. US-$ 900 bis 1.000; eo ipso: Eine Unze Gold. Es ist nicht der Anzug, der teurer geworden ist, sondern die Höhe des Verfalls der Währung, in der der Preis für den Anzug gemessen wird.
Aus dieser Erkenntnis ziehen sich jetzt auch weitere Erkenntnisse, die immer mehr zu beachten wären, also die Öl-Gold-Ratio, die Gold-Silber-Ratio, die US-$-EURO-Ratio und natürlich auch die Relationen aller anderen Währungen untereinander.
Kürzlich auf einer Podiumsdiskussion in Köln wurde ich gefragt, ob ich eine Prognose für die Zukunft abgeben könne. Ich antwortete sybellinisch und zitierte Mark Twain mit dem Hinweis, „dass Prognosen immer dann schwierig sind, vor allem, wenn sie die Zukunft beträfen.“. Konkret teilte ich der Zuhörerschaft aber mit, dass nach meiner Auffassung und gemäß meiner subjektiven aktuellen Wahrnehmungen bereits jetzt die ersten Erschütterungen für sensiblere Naturen festzustellen seien, die dann das drohende Erdbeben der San-Franciso-Stärke (im Jahre 1906) signalisierten.
Diese Erschütterungen – wie ich es meine – sind Verzerrungen der Ratios untereinander. Je größer und unverständlicher diese sind, umso gefährlicher werden sie für die Weltwirtschaft.
Ich will Ihnen im Folgenden kurz meine eigenen Rückschlüsse mitteilen, die ich aus diesen Ratios und deren Verspannungen gezogen habe. Verspannungen sind im Übrigen bei jedem Erdbeben die Voraussetzung für solch ein Beben: Teile der Erdkruste verschieben sich vertikal oder horizontal, verklemmen sich bis zu einem Punkt, wo der aufgestaute Druck dann die gegeneinander verspannten Erdplatten blitzartig verschiebt. Ein solches Erdbeben, auch wenn es in Deutschland sehr selten vorkommt, ist immer wieder ein imponierendes aber auch einschüchterndes Ereignis. Ich erlebte das letzte im Raume Stuttgart ich glaube im Jahre 1972, als auch ein Teil der Hohenzollernburg in Hechingen einstürzte, später öfter in Zypern, wo man es dann schon gelassener hinnahm.
Irgendwie habe ich das dumpfe Gefühl, dass uns solch ein Ereignis bevorsteht und ich schöpfe die Überzeugung aus der Beobachtung der Ratios, also unserer wirtschaftlichen Erdplatten, die sich durch die Einflussnahme der politisch und wirtschaftlich Handelnden in unverantwortlicher Weise so extrem verschoben haben.
Zu diesen Verschiebungen zähle ich besonders das Starren auf die Zinsen, die in den jeweiligen Wirtschafts und Währungsblöcken von den Notenbanken dekretiert werden und damit auch deren Einfluss auf die Ratios zu anderen Währungen. Sind denn die Menschen so oberflächlich oder so manipuliert, dass sie wegen eines geringen Zinsanstiegs von sagen wir einmal 0,5 % eine Schrottwährung zur Aufbewahrung ihrer Ersparnisse wählen? Man könnte das fast meinen, weil es überall wiederholt so kolportiert wird.
Welche Währungs-Ratios sind zu beachten? Ich meine zuerst die Ratios zwischen rohstoffreichen und rohstoffarmen Ländern, also Australien, Kanada, Brasilien und wenn es ihn denn gäbe, den Dirham der Golfstaaten auf der einen und den US-$, den Euro, sowie den Yen auf der anderen Seite. Dann die Ratios der Weltwährungen $, EURO und Yen untereinander, also die Ratio der Export- und Importweltmeister. Wichtig ist auch die Ratio der führenden Währungen gegenüber dem Schweizer Franken. Lassen Sie mich meine Bewertung zusammenfassen: Mich erstaunt die Schwäche des Dollars nicht; er gehört in den Orkus, aber die Stärke des Euros ist wohl unverständlich, bloß wegen der höheren Zinsen? Als man mich vor mehr als zehn Jahren zu meiner Auffassung zum Euro (damals noch EWS-Einheit genannt) fragte, nahm ich Zuflucht zu einem Vergleich. Ich fragte den Fragesteller folgendes: „Angenommen in Ihrem Hause hätte eine heiße Party mit 15 Nachbarn stattgefunden. Am nächsten Tage hätten dann Ihre Frau und Sie die leeren oder halb leeren Gläser gesammelt und die Reste – also dort ein wenig Champagner, dort ein Altbier, etwas Prosecco, ein bisschen Genever, Reste von Weiß- und Rotwein und Reste von irischem Guiness-Bier – in einem Behälter geschüttet. Nun frage ich Sie, würden Sie diese Mixtur für gut befinden und diese dem EURO so ähnliche Mixtur mit Begeisterung trinken?“ Ich glaube, es wird an der Zeit, sich wieder auf eine Getränkesorte zu konzentrieren, und wenn wir schon das deutsche Bier nicht mehr so (relativ) rein bekommen können, wie wir es ehedem hatten, dann lasst uns lieber die Milch aus Helvetien trinken. Die ist wesentlich gesünder. Die Euro-Franken-Ratio sagt dazu nichts aus; gerade das ist aber die Verspannung, die ich meine.
Eine ähnliche Verspannung sehe ich in der Öl-Gold-Ratio. Die Produktionskostensteigerung bei beiden Waren haben sich sehr unterschiedlich entwickelt, aber das derzeitige Verhältnis signalisiert zwei Möglichkeiten: Entweder ist Gold zu billig oder Öl zu teuer. Wie sich diese Verspannung löst, wird die Zukunft zeigen, ich rechne mit einer erheblichen Veränderung diese Ratio zugunsten des Goldes. Meine Überzeugung basiert auf der Erkenntnis, dass der Ölpreis in Goldgramm ausgedrückt, langfristig eine ziemlich lineare Funktion ausweist, was ja nur beweist, dass der Nenner (US-Dollar) so malade und Öl halt
gar nicht so viel teurer geworden ist.
Sie wissen, ich liebe Silber. Bei der Podiumsdiskussion wurde ich gefragt, wie ich die Preisentwicklung bei Silber sehe. Gut für mich, denn die weitaus kompliziertere Frage wäre gewesen, wie ich die Preisentwicklung von Silber in Relation zu Gold und Öl oder Schweizer Franken sehe. So konnte ich überzeugungsgemäß antworten, dass die Notenbanken durch ihre ungebremste Produktion von Geld jedweder Währung (vielleicht den Franken ausgenommen, daher meine Bevorzugung dieser Währung) jede Währung schwächt und dass sich der Silberpreis erheblich erhöhen müsste. Diese Antwort war keine Kunst, denn durch die Schaffung von Geld in unvorstellbarem Masse muss sich zwangsläufig die Ratio zu diesem Geld zugunsten des Silbers verschieben. Angebot und Nachfrage regeln auch den inneren Wert einer Währung, oder warum ist Sand sonst so billig und Gold so teuer?
Aber – und nun kommt meine Interpretation der Gold-Silber-Ratio – wie wird sich diese auf den Silberpreis auswirken? Ich habe unabhängig von den Meinungen anderer folgende Fakten herangezogen.
1. Es ist unstrittig, dass es den gleichen Aufwand bereitet, eine Tonne Erzgestein abzubauen.
2. Ebenfalls unstrittig ist, dass Silber, als es vor Millionen Jahren unter hohem Druck und mit glühendheissem Wasser(dampf) gemischt an die Erdoberfläche oder in die Nähe dieser Oberflächen gepresst wurde, eher in die oberflächennahen Zonen gelangte; somit ist Silber günstiger abzubauen.
3. Zusätzlich ist festzustellen, dass die Metallgehalte pro Tonne Gestein bei Gold so an die 5 bis 10 Gramm/Tonne ausmachen und bei Silber eher bei 75 – 150 Gramm pro Tonne liegen.
4. Daraus würde ich schlussfolgern, dass - bereinigt um den Metallgehaltsfaktor von 1 : 15 (Goldgehalt : Silbergehalt je Tonne Gestein) sowie die Kostenreduktion bei Berücksichtigung der geringeren Abbautiefen im Verhältnis von geschätzt 1,5 : 1 auf der Basis der Kosten (und nicht bei Angebots- und Nachfragevergleich) des Abbau für eine Tonne Gestein (vor den weiteren Verarbeitungskosten) eine Relation. von ca. 10 bis 15 angemessen erscheint. Nun ist zu berücksichtigen, dass die Kosten für den Silberabbau nur für die wenigen reinen Silberproduzenten Sinn gibt, während die Mehrheit der By-Product-Produzenten Silber nur als Nebenerwerb ansehen und keine reine Kostenkalkulation machen müssen; das ist das Manko des Silbers. Bei reinen Herstellern müssen diese andere Kalkulationen anstellen; daher halte ich eine auf Kosten und Erträgen fundierende Silberpreis-Relation zum Gold von ca. 30 solange für ange- messen, wie der Anteil der Silberproduktion als By-Product zu anderen Metallen nicht auf ein Verhältnis von 50 : 50 zurückgeht. Bei einem Produktionsanteil der reinen Silberhersteller von 50 : 50 wäre dann eine Gold-Silber-Relation von 1 : 20 ausgewogener. Die entspräche sogar der von den geologischen Instituten geschätzten Mengenstruktur in der Erdkruste; dort sollen auf 1 Gramm Gold etwa 15 Gramm Silber entfallen.
5. Was also schließen lässt, dass die Attraktivität des Goldes als Wertaufbewahrungsmittel seinen Preis am Weltmarkt gegenüber Silber überhöht hat, denn inzwischen ist die Gold-Silber-Relation auf ca. 52 : 1 angestiegen. Auch hier ist eine zwischenzeitliche Überspannung festzustellen.
Wenn ich diese Relationen nun in meine Anlageentscheidungen einbeziehen will, dann sollten sich folgende Währungen in den kanadischen Dollar und vor allem der Schweizer Franken.
Bei der Anlage in physischem Metall (und diese ist für jeden vermögenden Anleger ein Muss) sollte man Silber im Gewichtsverhältnis von 10 : 1 bevorzugen, wenn man darauf wartet, dass sich die langjährige Relation von ca. 20 : 1 wieder einstellt und Silber als Industriemetall weiterhin nicht gehortet, sondern verbraucht wird.
Bei anderen Metallen würde ich den technologischen Wert der Metalle für die Zukunft prüfen und hier besonders die Metalle mit dem Risiko/mit der Chance von Lieferengpässen in die nähere Entscheidung nehmen; somit wären Wolfram, Tantal und die Seltenen Erden zu bevorzugen. Bei Wolfram und den Seltenen Erden ergibt sich die (zufällige) Vorgabe, dass China so an die 90 % der Produktion sichert. Der Welt ist noch gar nicht ausgefallen, dass China inzwischen bei vielen Metallen eine Schlüsselposition einnimmt. Bei meinen Recherchen zum Thema „Seltene Erden und deren technologische Zukunft“ fan dich aus den Unterlagen eines Seminars in Hongkong den Satz von Deng Xiao Ping, der mich schockierte . Er lautete: „Die arabische Welt hat ihr Erdöl, wir haben die Seltenen Erden“. Inzwischen begreife ich immer mehr, was Deng damit sagen wollte.
Ein letzter Satz: Hüten Sie sich vor Schuldtiteln, wie Anleihen etc. Die einzigen Verpflichtungen, die die Schuldner haben, ist Zinsen zu zahlen und das Kapital nach Ablauf der Laufzeit zu erstatten. Nach den letzten Erfahrungen kann man nicht immer davon ausgehen, dass Letzteres auch erfüllt wird. Wenn Sie Sicherheit mit Rentenwerten haben wollen, dann sind es folgende: Es ist todsicher, dass Sie nach zehn Jahren Laufzeit nur noch eine wesentlich geringere Kaufkraft zurückbekommen, als Sie hergegeben haben und dass sich die Kurse von Rentenwerten, wenn die Zinsen steigen (und das müssen sie, um bei steigender Inflation für die Anleger überhaupt attraktiv zu bleiben) erheblich zurückbilden werden. Wollen Sie diese Sicherheit? Ich nicht. Sie erinnert mich an meinen Lateinunterricht in Berlin (mors certa, hora incerta = "Der Tod ist sicher, nur seine Stund ungewiss“).
Was ich noch vergessen habe: Ich benutze die Chartinterpretation nur für das Timing von Ein –und Ausstieg, weil mich dies die Erfahrung so gelehrt hat; aus den Kursverläufen die Attraktivität einer Aktien oder eines Anlageguts zu bewerten, dazu bin ich zu wenig ausgebildet. Aber günstige Zeiten für den Kauf und den Verkauf zu entdecken, dazu ist diese Art der Analyse ideal. Apropos „ideal“: Der Gold-Chart sieht seit einer Woche so aus, als ob der Goldpreis bald explodieren würde. Er zeigt die gleiche Formation, wie wir sie vor dem Ausbruch im September/Oktober 2007 vorfanden, als sich Gold von 625 auf 1015 emporschwang. Ein erster Anstieg über US-$ 960 und ein späterer Anstieg über US-$ 1.035 pro Unze würde meine Auffassung bestätigen. Seien Sie vorsichtig und klug und schützen Sie sich vor den Unwettern, die nun unvermeidlich kommen müssen.
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© Dr. Dietmar Siebholz