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9. November 2007

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"Meine Meinung zu..."

Dr. Dietmar Siebholz


Aktuelles aus den letzten vier Wochen

Von Dr. Dietmar Siebholz

Bislang habe ich mich immer nur auf ein Thema konzentriert, Daten und Informationen gesammelt und dann versucht, aus diesen Anregungen ein wenn möglich unterhaltsames, wenn nicht sogar lehrreiches Essay zu machen. Die Flut der Themen, die uns alle in den letzten Wochen überschüttet, veranlasst mich, von diesem Procedere abzugehen und mehrere Themen als Kernpunkte für meine Kolumne heranzuziehen. Ich meine im Vorgriff auf diese neuesten Nachrichten, die Informationsflut deutet das Erscheinen einer außergewöhnlichen Entwicklung an. Meine norddeutschen Leser kennen dies aus den Erfahrungen im Hamburger Raum: Wenn aus Irland und England starke Stürme gemeldet werden, Holland die Rhein-Mündungsschleusen bei Rotterdam schließt, dann wird es in der Nähe der Trichtermündung der Elbe unangenehm. So ähnlich beurteile ich jetzt die Kapital- und Finanzmärkte. Die Frage ist nur: Sturmflut oder Springflut?

Thema I: Die Banken- und Finanzkrise:
Immer mehr Wahrheiten werden uns jetzt gereicht, nachdem wir Monate im Dunkel gehalten wurden, insbesondere von den deutschen Banken (nach Sachsen-LB und IKB). Ich schrieb schon vor einigen Wochen, dass noch nichts vorbei sei, wie man uns glauben machen wollte. In den USA werden jetzt die besonderen Assets (Vermögensteile), also die kritischen, unverkäuflichen und unbewertbaren Titel und Papiere nach Level I, II und III klassifiziert. In den USA nennt man diese Titel euphorisch „Fair-Value-Assets“ – welch eine Ironie! Übrigens: Die deutschen Banken sind noch nicht so weit, aber erwarten Sie sehr unangenehme Überraschungen, wenn wir einmal die Fakten erfahren.

Zur Information: Level I, das sind Wertpapiere oder Forderungen, bei denen es in aktiven Märkten identische oder nahezu identische Titel gibt, die oft gehandelt werden, also kurzfristig verwertbar erscheinen. Titel aus dem Level II sind schon erheblich problematischer zu bewerten, weil hierunter Titel fallen, bei denen ähnliche Wertpapiere mit großen Umsatz oder identische Papier ohne große Umsätze gehandelt werden, also deren Verwertung erhebliche Probleme bereiten wird. Die Titel der Klasse Level III dürften wohl die richtigen Problembringer sein, denn für sie gilt, dass hier Werte erfasst sind, für die es keinen genauen Markt gibt, weil sie als Derivate oder andre künstlich gestaltete Titel ausgegeben werden, bei denen nachhaltige Wertdefinitionen nicht erhältlich sind.

Das klingt ja alles sehr solide, aber nun kommen die Fakten, nämlich die Relationen von Engagements in Level III-Titel zum haftenden Eigenkapital. Bevor Sie jetzt weiter lesen, lassen Sie sich von Ihrem Partner entweder Ihr Herztonikum oder einen guten Cognac bringen; Sie werden beides brauchen.

Wenn ich den Daten, die mir ein Info-Partner aus einer US-Webseite lieferte, glauben kann, dann liegen diese Relationen von Level III-Engagements zum haftenden Eigenkapital bei folgenden Prozentwerten (dass Sie mich richtig verstehen, Prozentsätze über 100 bedeuten, dass dies Level-III-Werte höher als das Eigen-kapital sind, also die (das ist meine unsachliche Definition) Schrottanlagen höher als das Eigenkapital liegen:

Merrill Lynch – der weltgrößte Broker: 38 %
City-Group – die größte Bank der Welt: 106 %
Bear Stearns, die schon zwei Fonds Pleite gehen ließen: 154 %
Lehman Brothers: 158 %
Goldman Sachs: 185 %
Morgan Stanley: 251 %

Gut, dass Sie nun den Cognac oder die Herztropfen haben, oder? Sie wissen, was das heißt, wenn kein neues Geld von der FED oder der EZB oder der Bank of Japan kommt, ein Teil der Level-III-Forderungen abgeschrieben und damit ausgebucht werden muss. Dann wird es verdammt eng. Die Investmentbanken müssen wie damals bei der Saving-and-Loan-Krise in den Staaten oder bei dem Verfall der südamerikanischen Anleihen die Abschreibungsvorschriften ändern und die Notenbanken müssen „flankierend“ gleichzeitig viel neues Geld in den Umlauf bringen. Restriktive Maßnahmen wären aber tödlich in diesem Umfeld der Finanz-„Drogenabhängigen“: Ich bin sicher, keiner von den Finanz-Junkies steht diese Entzugsmaßnahmen auch nur länger als ein Quartal durch.

Der Treppenwitz dabei ist aber, dass sich alle auf gut Deutsch über Merrill Lynch das Maul zerreißen, aber die waren noch wirklich relativ solide, wenn man das Wort hierzu schon missbrauchen sollte. Häme aus Deutschland? Lassen Sie das bleiben. Die Daten der Deutschen Bank sollen – wie ich hörte – folgende Werte erreichen:

Insgesamt Titel, die frei bewertet werden müssen („Fair-Value-Assets“): ca. 1.300 Mrd € (noch) keine Aufteilung auf Level I, II und III-QualifikationEigenkapital: ca. 38 Mrd €

Zum Vergleich: CITY-Bank-Gruppe: „Fair-Value-Assets“ - total: ca. 1.325 Mrd $
- davon Level I: ca. 281 Mrd $
- davon Level II: ca. 939 Mrd $
- davon Level III: ca 135 Mrd $
- Eigenkapital (damit Risikoquote 106 % vom EK): ca. 127 Mrd $

Thema II: Die sprunghaften Gold- und Silbermärkte:
Für viele (uninformierte) Marktbeobachter stiegen die Preise für die Edelmetalle unerwartet an; Sie wissen warum, wenn nicht, lesen Sie bitte die vorhergehenden Absätze nochmals sorgfältig durch. In solchen Zeiten kann es durchaus Sinn machen, auf Zinsen zu verzichten, um die Substanz zu erhalten. Edelmetalle sind prädestiniert für die Substanzerhaltung, aber kaum Renditeanlagen. So sehen es immer mehr Menschen weltweit und die oben geschilderten Zustände werden ein Weiteres tun, um Kapitalströme umzulenken. Die Hinweise auf die völlig überzogenen COT-(also die Futures-Kontrakte)Daten gehen offenbar fehl. Das Fehlen der üblichen Korrektur lässt ahnen, dass entweder die Nervosität größer ist, als es auf den ersten Blick erscheint, dass „tiefe Taschen“ (das sind große und kapitalstarke Käufer) auftreten oder schlicht große Verschiebengen zwischen den Asset-Klassen und/oder Währungen geschehen. Da helfen auch keine Interpretationen von COT-Daten mehr. Wenn noch in absehbarer Zeit neue Daten kommen, z.B. die Level I-II-III-Daten aus anderen Volkswirtschaften z.B. aus Japan, Deutschland und Resteuropa, dann werden wir sehen, ob die optischen und charttechnischen Hürden bei Gold von US $ 850 und Silber bei US-$ 15,75 bis 16,25 noch eine Bremse darstellen. Diese an Zahlen orientierten Werte sind ohnehin nur eine Entschei-dungshilfe, denn nach der Kaufkraft gemessen müsste der Höchststand des Goldes von 1980 (ca. US-$ 850) ohnehin auf US-$ 2.200 hochgerechnet werden.

Meine kürzlich von GATA mitgeteilten und an Sie weitergereichten Hinweise, dass die US-Regierungsstellen das US-Gold schon wieder bilanztechnisch umbenannt haben, dürfte eine Warnung sein; die Umbu-chungsanregungen der IWF-Fachleute (IWF-Accounting of Gold Reserves – Committee Recommendation“) sind auch erst vor einem halben Jahr geändert worden. Bald werden wir wissen, wie viele Tonnen die Notenbanken noch unterhalten, wenn ihre Verleihungen oder die Gold-Swaps als das verbucht werden, was sie wirklich sind: Veräußerungen über Dritte und keine Goldforderungen, die JEDERZEIT wieder in die Tresore der Notenbanken repatriiert werden können.

Thema III: Spezial-Banken im Feuer der Kritik:
Haben Sie das auch gelesen? Morgan Stanley, dieses bewundernswerte Bankinstitut hat sich mit einer großen Anzahl von Kunden über Schadensersatzzahlungen wegen der von der Bank geführten Silber-Metall-Konten geeinigt. Was stand zu entscheiden? Kunden, die physisches Silber bei der genannten Bank auf einem Metallkonto gekauft hatten, haben geklagt, als sie feststellten, dass die Bank sie für die Käufe von physischem Silber auf den Konten belastet, ihnen jahrelang die relativ teuren Depotgebühren für die Aufbewahrung von physischem Silber abgebucht hatten, aber nicht über die physischen Bestände an Silber verfügte. Es ist im Sinne der Seriosität der Bank anzunehmen, dass Morgan Stanley zumindest Calls auf Silber gegen die Leerpositionen der Bank (denn die schuldete ihren Kunden ja immerhin das für deren Konten gekaufte und abgerechnete Silber) aufgenommen hatte. Wenn nicht, umso schlimmer, Monte Carlo lässt grüßen….

Machen wir einmal die Rechnung auf und unterstellen, Sie hätten im Jahre 2002 – als ich das erste Mal empfahl, physisches Silber zu kaufen – 1000 Unzen für Ihr Metallkonto bei der XYZ-Bank gekauft (so wähnten Sie). Die Bank buchte so an die US-$ 5.500 als Kosten ab und belastete Sie jährlich mit ansehnlichen Depotgebühren. Nehmen wir an, Ihre Bank sei „konservativ“ und habe für Ihre Silberunzen eine Derivatsabsicherung durchgeführt, nach den Regeln der Nobelpreisträger, die den LTCM-Fonds managten, im Form eines Delta-Hedges nach den empirischen Daten, also eine Teilabsicherung vornahmen, für diese Teilmaßnahme 2 – 4 % Ihrer Kaufsumme verwendet. Somit hat die Bank mit Ihrem Geld, das eben nicht- wie Sie es wollten - in physischem Silber angelegt wurde, eine interessante Marge in den letzten Jahren erzielt, denn Ihr Geld hat sie ja für den vermeintlichen Kauf des Silbers zinsfrei eingenommen. Vorausgesetzt natürlich, Sie forderten nicht Ihr physisches Silber zurück. Wenn die Unzen nicht abgesichert waren, ja was dann? Machen Sie sich Ihre eigenen Gedanken hierzu. Ich meine, physisch erworbenes Silber ist nur dann etwas wert, wenn die Bank die Barrennummern zuteilt oder man die Silber-Eagles oder andere Münzen selbst gesehen hat und verwaltet. Ich bin der festen Überzeugung, dass Morgan Stanley, wenn ich den Vergleich richtig interpretiere, Vorkehrungen getroffen hatte, um das Kursrisiko auszuschließen und dass dies ein einmaliger Vorrang war, der natürlich auf Ihre Bank nicht zutrifft. Aber immerhin hat die Bank jahrelang mit dem Geld der Kunden nahezu zinslos gearbeitet. Ich würde das zynisch den negativen Silber-Carry-Trades von Morgan Stanley nennen. Ganz sicher bin ich mir, dass ich von einem derartigen Institut keinen Silber-ETF kaufen würde.

Thema IV: Benjamin S. (=Shalom) Bernanke: „Inflation is contained oder Die Inflation ist im Griff…“
Als Kind – in Berlin-Tempelhof in einem damals teils ausgebombten Haus wohnend, musste ich für meine Mutter täglich aus dem Keller entweder Holzreste oder Braunkohlen-Briketts für den Ersatzofen – aus alten Kanonenrohren produziert und höchst wirksam - holen. Es waren 79 Stufen vom dritten OG in den für mich so unangenehmen Keller. Ab dem EG begann ich zu singen und zu pfeifen, also ein mustergültiges Stück „Das Pfeifen im Walde“. Heute tut Benjamin S. das gleiche; er weiß, welches Erbe er von Greenspan angetreten hat. Ja, die offiziell mitgeteilte Inflation in den USA ist im Griff, aber leider nur die statistisch geschönt, die Wirklichkeit draußen ist ungleich brutaler. Statistiker, mit denen ich in den USA korrespondiere, schätzen den realen Preisanstieg und den realen Kaufkraftverlust zwischen 8 und 10 %. Das ist der Unterschied zwischen der statistisch gewünschten und der (im Geldbeutel) gespürten wirklichen Inflation. Und solange die Vernichtung der überschüssigen Liquidität nicht größer ist als die von den Notenbanken zur Verfügung gestellte neue Liquidität (zum Ausbieten der sich überschuldeten Finanzindustrie) wird diese Inflation auch anhalten, denn zuviel Geld „jagt“ zu wenig Leistungen. Das nennt man Inflation. Übrigens: Wegen der unsinnigen Kosten der Ermittlung der monatlichen M-3-Zahlen (man nannte mir Kosten von p.a. US-$ 300.000 wurde diese wichtige Statistik eingestellt. Ist doch klar, die US-Regierung wollte ihren Bürgern nicht das Thermometer liefern, das dann jeder Bürger hätte monatlich leicht ablesen können. Die Kosten dieser wichtigen Statistik entsprechen nach meinen Kenntnissen dem Preis eines halben Cruise-Missile-Projektils, das die USA so nachhaltig im Irak eingesetzt und damit den Krieg innerhalb eines Monat erfolgreich abgeschlossen hatten.

Mr. Bernanke darf die realen Werte nicht nennen, sonst müsste er so viel Paul Volcker ab dem Jahre 1980 in gleicher Lage die Zinsen drastisch erhöhen. Was das bei der aufgeblähten US-Schuldenwirtschaft bedeutet, muss ich nicht erklären. Die Kartenhäuser der US-Finanzindustrie (und auch bei uns) würden nach dem Dominostein-Prinzip kollabieren. Also wird solange es geht, die reale Inflation schöngeredet, wird eine Unmenge an neuem Geld in die Märkte gepumpt, um die maroden Finanzinstitute am Tropf zu halten und die überflüssige Liquidität fließt in die vielen Assetklassen solange bis das süße unmündige Kind vor dem Publikum ausruft, „aber der Kaiser hat ja gar nichts an“.

Mein Rat: Stellen Sie sich auf diesem Moment ein.

Ich hoffe, dass ich nicht recht mit meinen Prognosen habe, aber bislang habe ich mich lediglich in der Zeitachse geirrt, Gottseidank, muss ich schon sagen: Das brachte uns allen einige zusätzliche friedliche Monate. Wie sagt einer meiner US-Info-Partner immer zum Ende seiner Analysen „Protect yourself = Schütze Dich selbst“.

Dem ist nichts, aber auch gar nichts hinzuzufügen.


Dr. Dietmar Siebholz


Nachsatz: Einer meiner Leser, ein Diplom-Volkswirt schrieb mir zu den Verlustgeschäften der Banken folgende Anmerkung:

„Lieber Dietmar,

lass uns das Ganze einmal anders sehen.

Alle (in der obigen Fair-Value-Liste) genannten Banken sind Eigentümer der FED. Alle sind im Einfluss der uns allen bekannten Familien des weltweit bekannten Hintergrunds. Nun geschieht folgendes: Diese Banken „holen“ sich Geld bei der FED , setzen es für die privaten Expansionspläne der Bankendynastie ein, ziehen dabei eine Haftungszwischenebene, nämlich die der Fonds ein, die ihre Schulden als Anleihen verselbständigen.

Da die Bänkerdynastie ohnehin nicht an eine „Rückführung“ gedacht hatte, lässt sie die anderen Banken zunächst die Anleihen „abschreiben“. Damit hat der Fonds aus Fremdmitteln die Vorstufe zum Eigenkapital bekommen, denn wo kein Kläger, da auch kein Richter. Wenn jetzt auch noch das Bankhaus mit den Forderungen gegen den Fonds „aus dem Markt geht“, ist aus Fremdkapital nun Eigenkapital geworden und die Allgemeinheit bezahlt. Das passiert, wenn Notenbanken „private Einrichtungen“ sind (wie die FED in den USA)."

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© Dr. Dietmar Siebholz

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